Weiter entfernte Standorte haben es schwer im Umfeld der osteuropäischen Konkurrenz
Die Logistiker sind im Raum Berlin-Brandenburg der Infrastrukturentwicklung mindestens ein bis zwei Jahre voraus. Während am Flughafen Berlin-Brandenburg (BBI) in Bezug auf Flugrouten und den Zeitpunkt der Eröffnung noch keine Planungssicherheit herrscht, werden im Umland die Logistikimmobilien knapp.
Das Güterverkehrszentrum Großbeeren im Süden Berlins meldet eine Flächenauslastung von 90 Prozent. „Aufgrund der großen Nachfrage sollen passend zur voraussichtiichen Flughafeneröffnung Mitte 2012 etwa 65 ha Erweiterungsflächen zur Verfügung stehen", kündigt Rüdiger Hage, Geschäftsführer der Infrastruktur- und Projektentwicklungsgesellschaft mbH Potsdam (IPG), für sein „Flaggschiff' unter den drei Güterverkehrszentren im Berliner Umland an.
Die letzten verfügbaren Grundstücke erwarb DB Schenker Logistics, die dort bis Ende 2011 ein Umschlagzentrum errichtet, sowie der Projektentwickler Alcarolnvest. Das Interesse von dessen Geschäftsführer Udo Büntgen-Hartmann am Standort ist groß: „Wenn es weitere Entwicklungsflächen gibt, stehen wir als Investor und Projektentwickler zur Verfügung." In zwei der drei Hallenkomplexe wird das Onlinehandelsunternehmen DocdateFulfilment - bekannt für die Marken Zalando und Best4Friends - seine Logistik steuern. Weiter an diesem Standort investieren will mit der Rieck-Logistik-Gruppe auch der Ansiedler der ersten Stunde, bekräftigt deren Geschäftsführer Horst Stiegler.
Positiver Trend. Diese positive Entwicklung spiegelt sich auch in den jüngsten Konjunkturdaten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg wider. Die dort registrierten steigenden Auftragseingänge der Industrieunternehmen sowie ein erheblicher Im- und Exportzuwachs werden sich positiv auf die Transport- und Umschlagleistungen sowie die Beschäftigten im Logistiksektor auswirken.
Den BBI-Boom wenig zu spüren bekommen die GVZ Wustermark westlich und Freienbrink östlich von Berlin mit einer jeweiligen Auslastung von etwa 60 Prozent. Sie haben es schwerer, sich mit ihren Alleinstellungsmerkmalen zu behaupten. Freienbrink will auch über den Preis Entwicklungen in Logistik und Gewerbe forcieren. Wustermark verfügt als einziges GVZ über Trimodalität, sein Binnenhafen ist aber nicht ausgelastet. Der erst im Frühjahr dieses Jahres aufgenommene Containertransport von Waschmaschinen aus dem nahe gelegenen Bosch-Siemens-Hausge- rätewerk nach Hamburg ruht seit August. Vor allem die hohen Entgelte im Hamburger Hafen macht IPG- Geschäftsführer Hage dafür verantwortlich, dass der Verkehr nicht;wirtschaftlich sei. Das werde ebenso den gerade in Bau befindlichen Elbe-Binnenhafen Wittenberg betreffen. Wichtig sei es nun, „die verkehrspolitische Zielstellung des Hamburger Senats umzusetzen, die da lautet: den Binnenschiffsanteil von jetzt 1 auf 4 bis 5 Prozent zu steigern." Dazu müssten die verantwortlichen Politiker beider Länder dringend an einen Tisch.
Bestehende Potenziale in der Binnenschifffahrt würden nicht ausgeschöpft, erklärt auch Volkmar Dögnitz, Referent für Logistik im brandenburgischen Landesministerium für Infrastruktur. Denn das derzeitige Binnenwasserstraßennetz zwischen Elbe und Oder sei für den Gütertransport mit großen Schiffsabmessungen nur mit Einschränkungen nutzbar. Der von Brandenburg geforderte und im Bundesverkehrswegeplan 2003 beschlossene Ausbau der Wasserstraßen müsse zeitnah vollendet werden.
Die Binnenhäfen hingegen sind bereits gut gerüstet - nur etwas mehr Ladung könnte es oft noch sein. Die Hafeninfrastruktur hat sich seit der Wende vorbildlich entwickelt. Zwei Projekte, mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II gefordert, befinden sich aktuell im Bau. In Wittenberge entsteht für 6 Mio. EUR ein neuer Binnenhafen an der Elbe. Der erste Terminal für Flüssigumschlag ist bereits eingeweiht, der Containerterminal geht im Laufe des kommenden Jahres in Betrieb. Im ebenfalls an der Elbe gelegenen Mühlberg wird der schon vorhandene Hafen mit über 3 Mio. EUR wiederbelebt. Dort sollen ab 2011 Teile für Windkraftanlagen und landwirtschaftliche Produkte umgeschlagen werden.
Ostkonkurrenz als Partner. In der Logistikbranche wollen sich Berlin und Brandenburg als Drehscheibe für Ost-West-Verkehre positionieren. Doch gerade „im Osten" sitzen auch die größten Konkurrenten. Nahezu chancenlos sind die deutschen Transporteure bei grenzüberschreitenden Aufträgen Richtung Osten. Und die polnischen Sonderwirtschaftszonen locken Industrie und Logistik mit günstigen Rahmenbedingungen.
Gut positioniert hat sich in diesem Umfeld das Euro Transport & Trade Center (ETTC) am größten Ost-West-Korridor in Frankfurt/Oder. Statt die polnischen Nachbarn in Slubice nur als Konkurrenz zu beäugen, geht ETTC einen zukunftsweisenderen Weg. „Wir haben uns mit Slubice zu einem Projektansiedlungs- netzwerk zusammengeschlossen und vermarkten den Wirtschaftsraum ge-meinsam", berichtet Carmen-Sybille Rehse, Projektmanagerin bei ETTC. Ausgelastet sei das GVZ mit fünf Ansiedlungen, davon vier von osteuropäischen Logistikunternehmen, jedoch noch nicht. Für die Zukunft erwartet Rehse, dass mit der steigenden Konsumnachfrage in Mittel- und Osteuropa auch die Chancen des deutschpolnischen Wirtschaftsraums für logistische Investitionen steigen.
Führend in der Region ist ETTC als Initiator der Anlage im Kombinierten Verkehr. Selbst in der Krise gab es Zuwachsraten. „In diesem Jahr hat sich der Umschlag bis Ende September mit 50 000 TEU gegenüber dem gesamten Jahr 2009 mit 36 000 TEU schon fast verdoppelt", freut sich Rehse. Und zu den 34 festen Zugverbindungen zu den deutschen Überseehäfen, nach Rotterdam sowie in verschiedene polnische Wirtschaftszentren könnten schon bald neue Relationen kommen. Geplant seien ein neuer Containerzug zwischen Ostbrandenburg und Slowenien sowie ein Ganzzug in die Gus-Staaten.
Von Stephanie Lützen
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