Trotz Polens EU-Beitritt und dem Wegfall der Grenzkontrollen bleibt Frankfurt an der Oder Gateway nach Osten
An der Grenze zwischen hoher Maut und hohen Trassenpreisen – so lässt sich die Lage von Frankfurt an der Oder aus transportgeografischer Sicht vielleicht am besten beschreiben. Hier laufen die Ost-West-Magistralen von Straße und Schiene zusammen. Aber Logistik bedeutet mehr als Transportlogistik.
Rund 60 Prozent des gesamten Ost-West-Verkehrsaufkommens im Lkw-Verkehr laufen über die Autobahn A12, an die voraussichtlich ab Ende des Jahres auf polnischer Seite die A2 anschließt. Wie viele andere Städte erhebt auch Frankfurt den Anspruch, im Mittelpunkt Europas zu liegen. Mit dem Unterschied, dass es hier der Wahrheit entspreche, flachsen Verfechter des Standorts hinter vorgehaltener Hand.
Tatsache ist, dass sich Frankfurt im Schatten der GVZ rund um Berlin in den letzten Jahren unauffällig, aber stetig zu einem formidablen Logistikstandort entwickelt hat. Sichtbarstes Zeichen ist das Kombiterminal, das bis 2013 deutlich erweitert wird. Andere Unternehmen wie die Rosner-Gruppe oder die niederländische Lkw-Spedition Alblas im nahegelegenen Jacobsdorf haben hier ihren Gateway Richtung Polen eingerichtet.
Nicht zu vernachlässigen ist Frankfurt (Oder) aber auch als Industrie- und Handelsstandort. Nach einem missglückten Anlauf mit einer Fabrik für Computerchips hat sich um die frühere Investitionsruine ein Cluster von Solarenergie- und Elektronikfirmen niedergelassen. Zu den stillen Riesen im Bereich Handel gehört der Online-Händler HTM, der vor allem im Bereich Verbraucherelektronik (Mobiltelefone, Computer und Zubehör) aktiv ist.
Vermarktung der Region. Erste Anlaufadresse ist das „Investor Center Ostbrandenburg" (ICOB), dessen Eigentümer neben der Stadt Frankfurt die polnische Stadt Slubice auf dem anderen Oderufer und die Sparkasse sind. Die früher bekanntere Bezeichnung ETTC (Euro Transport & Trade Center) ist heute eine Untermarke des ICOB. Das ICOB soll die Doppelstadt grenzüberschreitend vermarkten. Geschäftsführer Sebastian Jarantowski sieht in der besseren Zusammenarbeit der beiden Stadtverwaltungen aber noch „Optimierungspotenzial", wie er es ausdrückt.
Auf der praktischen Ebene sieht es aber schon besser aus. Polen aus Slubice ziehen nach Frankfurt, weil dort die Mieten inzwischen geringer sind. Umgekehrt gehen die Zeiten billiger Arbeitskräfte in und aus Polen zu Ende. Der Lohnunterschied bei gewerblichen Arbeitskräften liegt nur noch bei einem Drittel – und schrumpft spürbar von Monat zu Monat. Bei Fachkräften ist in einigen Bereichen fast Gleichstand erreicht. Die Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts im Mai hat weniger die Löhne in Deutschland unter Druck gesetzt als die Arbeitgeber in Polen.
Das Kombiverkehrsterminal. Im Frankfurter KV-Terminal wird derzeit erstmals in eine Kranbahn investiert – ein Beleg dafür, dass sich der Standort etabliert hat. Von 2007 stieg der Umschlag kontinuierlich von knapp 20 000 TEU auf 62 000 TEU im vergangenen Jahr. Die neue Kranbahn wird vier Gleise mit 600 m Nutzlänge überspannen und soll 2013 in Betrieb gehen. In einem weiteren Bauabschnitt sollen auf dem Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs direkt am Terminal Flächen für Logistikhallen zur Verfügung gestellt werden. Nutzer des Terminals sind zum einen Operateure, die hier Containerzüge aus den Seehäfen der Nordrange entladen und zur Feinverteilung nach Polen auf Lkw umladen – konkretes Beispiel ist Polzug. Der Kombioperateur PCC Intermodal hingegen nutzt das Terminal als Gateway für seine Verkehre aus Westeuropa nach Brzeg Dolny bei Breslau und ins zentralpolnische Kutno. Daneben gibt es ein zunehmendes Interesse, hier Container gebündelt auf Züge Richtung GUS-Staaten zu setzen. Hier hakt die Realisierung aber offenbar noch an der Risikoverteilung: Mitfahren würden einige, aber die Federführung übernehmen möchte niemand. Ähnliches gilt für die schon seit längerem ventilierte Verbindung nach Regensburg-Ljubljana-Triest.
Der Konsumgüterspediteur. Die aus dem westfälischen Oelde stammende Spedition Rosner betreibt in Frankfurt (Oder) seit 2003 eine Cross-Docking-Anlage mit 5000 m² Fläche und mehreren Temperaturzonen für Komplettladungsverkehre Richtung Polen. Monatlich werden gut 40 000 Paletten umgeschlagen, entsprechend 600 bis 700 Lkw. Zusätzlich gibt es 7000 m² Lagerfläche, die vor allem für Aktionsware genutzt wird. Rund 20 Mitarbeiter sind im Zwei-Schicht-Betrieb tätig. Transportiert werden Lebensmittel, Handelswaren allgemein, Dämmstoffe, Baumarktartikel, Wellpappe, Automotiveteile, Kunststoffe; Spezialität ist Zweirad-Logistik. Ein eigenes Kapitel sind temperaturgeführte Transporte mit eigener Fahrzeugflotte – das sind rund 250 Fahrten pro Monat ab Frankfurt. „Unsere Nische ist Kühl- und Handelslogistik in Komplett-ladungsverkehren Richtung Osten", sagt Geschäftsführer Hans-Jörg Lübbert. Eine enge Zusammenarbeit gibt es dabei mit der polnischen Tochtergesellschaft im schlesischen Zielona Gora/Grünberg, wo unter anderem auch die eigene Kühlfahrzeugflotte stationiert ist. „Die Kunden verlangen, dass wir in gewissem Maße eine eigene Fahrzeugflotte vorhalten", erläutert Lübbert.
Der Industriespediteur. Die niederländische Spedition Alblas richtete 1998 eine Speditionsanlage in Jacobsdorf unmittelbar an der A12 ein. Sie verfügt über 3000 m² Logistikfläche und fungiert als Drehscheibe nach Osteuropa – vor allem in Richtung Polen. In Jacobsdorf werden Sammelgut und Teilpartien für die Verteilung an die Endkunden in Polen konsolidiert, zum Beispiel Kunststoffgranulate für einen Elektronikgeräte-Hersteller. Spezialität des Unternehmens sind aber Chemie- und Gefahrguttransporte, auch temperaturgeführt. Ferner betreibt Alblas für eines der Solarunternehmen in Frankfurt die Inbound-Logistik. Grund für die Standortwahl war, dass Jacobsdorf per Lkw von Westeuropa in einer Schicht erreichbar ist – „Hier ist ein Pferdewechsel fällig", sagt Niederlassungsleiter Dr. Jürgen Voigt. In einer weiteren Schicht kann Polen bis etwa zur Höhe Warschau erreicht werden. Mit der Fertigstellung der polnischen A2 wird sich die Fahrtzeit noch einmal um zwei bis drei Stunden verringern. Auch die Tschechische Republik kann von Jacobsdorf aus in einer Schicht erreicht werden.
Der Internethändler. Der aus Frankfurt stammende Internet-Elektronikversandhändler HTM – Flagschiff ist getgoods.de – hat derzeit seinen einzigen Sitz noch in einem alten Speichergebäude im Innenstadtbereich. Doch ein neues Logistikzentrum mit knapp 3000 m² im Gewerbegebiet Markendorf wird gerade für den Einzug Ende September hergerichtet. Im laufenden Jahr will das Unter-nehmen, das derzeit 165 Mitarbeiter beschäftigt, seinen Umsatz von 170 Mio. EUR auf mehr als 250 Mio. EUR steigern. Die aus nationaler Sicht dezentrale Lage hat keine negativen Auswirkungen auf Sendungslaufzeiten. „Wir haben selbst am 23. Dezember noch Ware versendet, die am 24. Dezember unter dem Weihnachtsbaum lag", sagt Geschäftsführer Markus Rockstädt- Mies. Von den mehr als 5000 Sendungen täglich laufen 85 Prozent der Sendungen via DHL, 15 Prozent via UPS. Die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für Polen hat sich bisher noch nicht spürbar ausgewirkt. „Wir arbeiten komplett mit Frankfurtern", sagt Rockstädt-Mies. „Wir haben kein Problem damit, über die Grenze zu gucken – wir haben auch kein Problem damit, Leute aus Polen einzustellen. Aber bisher hat es sich einfach nicht ergeben. Es hat sich auch noch keiner beworben."
Von Matthias Roeser
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